Dunum und umzu

Radwege im Landkreis: Wald roden, um sicher in den Wald zu radeln?

Jetzt mal Hand auf`s Herz! Wer kennt das nicht: Man zuckelt mit hundert Sachen gemütlich über die Landstraße und plötzlich tauchen vor einem wie aus dem Nichts Radfahrer auf der Straße auf. Radfahrer! Auf der Landstraße! Auch noch mit Kindern! Die müssen doch verrückt geworden sein! Das ist doch meine Straße! Jetzt muss ich auch noch abbremsen, und komme eine halbe Nanosekunde später an meinem Ziel an!

Wenn wir uns dann nach dem Überholvorgang, den wir natürlich mit genügend Abstand zu den Radlern, aber einem finsteren Blick durch das Beifahrerfenster (ich bin der Stärkere!) vollenden, endlich beruhigt haben, kommen wir  vielleicht ins Grübeln.

  • Wem gehört eigentlich die Straße?
  • Müsste ich mich nicht darüber freuen, dass diese junge Familie mit dem Rad unterwegs ist und nicht in ihren Zweieinhalbtonner steigt, um zum Bäcker zu düsen?
  • Warum habe ich mich nicht aufs Rad geschwungen, obwohl mein Ziel keine zehn Kilometer entfernt liegt?
  • Was müsste passieren, damit mehr Fahrräder auf den Straßen in den Städten, Dörfern, aber auch auf dem Land zu sehen sind?
  • Sind mehr Radwege die Lösung?
  • Oder sind sie sogar Teil des Problems?

Radwege gelten als umweltfreundlich und daher brüsten sich Politiker gerne damit, wenn sie für den Bau neuer Radwege sorgen. Teilweise auch zu Recht: Wenn die Radwege dazu beitragen, den motorisierten Individualverkehr sowie die Anzahl PKW pro Einwohner deutlich zu reduzieren und wenn es keine Alternativen dazu gibt. Dass Radwegebau auch mit erheblichen Eingriffen in die Natur einhergehen kann, zeigt das aktuelle Bauvorhaben im Wittmunder Wald: Für mich ein Negativbeispiel, wie man es nicht machen sollte.

Dabei geht es um einen Radweg, der von Burhafe über die Upsteder Straße (im Volksmund auch Benzinstraße genannt) zur B210 führen soll. In der Begründung des Landkreises heißt es, dass es sich um eine bei Radfahrern sehr beliebte Strecke handle und der Radweg für ein sicheres Radeln zum Naherholungsgebiet „Wittmunder Wald“ sorgen solle. Da der Radweg teilweise auch durch Waldgebiet führen wird, muss dafür natürlich Wald gerodet werden: Auf einer Strecke von 2 Kilometern und ungefähr 8 Metern Breite sind bereits ca. 1,5 Hektar Wald vernichtet worden, um schneller und sicherer in den Wald zu kommen.

Darüber hinaus wird natürlich für den Radweg Fläche versiegelt und es werden Ressourcen für die Fahrbahnmaterialien verbraucht. Natürlich sind diese Mengen relativ gering, dennoch sollten einem solchen Eingriff in die Natur gewissenhafte Erwägungen vorausgehen:

Ist der Radweg nötig?

Wer soll ihn nutzen?

Sorgt er dafür, den Kraftfahrzeugverkehr zu reduzieren?

Gibt es Alternativen wie beispielsweise alternative Routen oder eine veränderte Verkehrsführung?

Stehen Kosten (finanziell und ökologisch) in einem ausgewogenen Verhältnis zum Nutzen?

Ein Blick auf die Karte zeigt: Es gibt einen gut ausgebauten Radweg von Burhafe Richtung Wittmund und Esens. Auch die Negenbarger Straße Richtung B210 hat bereits viele Kilometer Radweg. Um von Burhafe aus in den Wittmunder Wald zu gelangen, könnte man auch den Kirschbaumweg nehmen und dann über Hieskebarg radeln (s. Bild). Auch andere Nebenstrecken über kaum befahrene Wege sind denkbar. Durch Hinweisschilder und Orts- bzw. Wanderkarten (die seltsamerweise in Ostfriesland kaum zu finden sind, andernorts aber in jedem Dörfchen stehen) könnten diese Strecken aktiv beworben werden.

Das größte Manko ist aber, dass wieder einmal eine Gelegenheit verschlafen wird, eine moderne und zukunftsweisende Verkehrswegepolitik anzugehen. Denn der einfachste und kostengünstigste Weg, Fahrradstrecken sicherer zu machen und gleichzeitig einen Mentalitätswandel aller am Straßenverkehr Beteiligter anzuregen, wäre es, bestehende Straßen in Vorrangstraßen für Fahrräder umzuwandeln. Dänemark und Holland, aber auch einige deutsche Städte machen es vor, wie man mit Fahrbahnmarkierungen, Tempolimits, Hinweisschildern und ggf. verengter Streckenführung Straßen für Radler sicher macht.

So könnte die Verkehrswende in der Stadt aussehen:

https://twitter.com/wolfibey/status/1377935088059613185

Das ginge doch sicherlich auch auf dem Land und in den Dörfern.

Und das Beste ist: Die Fahrbahnen sind ja weitestgehend schon vorhanden und gerade auf Nebenstrecken wäre ein solches Vorgehen absolut sinnvoll. Die folgenden Bilder zeigen eine Fahrradstraße in Bremen und eine im ländlichen Brandenburg (Quelle: Wikipedia).

Bei einer von KFZ wenig befahrenen Straße wie der Upsteder Straße wäre es also eine gute Möglichkeit gewesen, ein Zeichen für den Radverkehr zu setzen: Hier haben Radfahrer Vorrang, KFZ müssen sich dem Radverkehr unterordnen und Rücksicht nehmen. Die Devise der aktuellen Radwegepolitik im Landkreis heißt: Radler von der Straße runter, freie Fahrt für Auto, Motorrad und LKW.

Gleiches könnte für die Verbindung Dunum – Burhafe gelten, wobei hier wirklich zwei Dörfer miteinander verbunden werden und nicht ein Radweg von einem Dorf aus ins Nirgendwo führt.

Also: Tempo auf 50km/h drosseln, rote Fahrbahnmarkierung und Verkehrsschilder (Vorrangstraße für Radverkehr). Günstiger kann man Verkehrssicherheit für Radler nicht haben. Natürlich würde ich ein und eine Viertel Minute länger benötigen, wenn ich statt mit 70 mit 50 Kilometern pro Stunde unterwegs wäre. Ich kann das verkraften. Genau wie ein allgemeines Tempolimit auf den Autobahnen, das längst überfällig ist.

Was wir jetzt brauchen, ist ein Umdenken in der Verkehrspolitik, aber auch ein Umdenken aller Verkehrsteilnehmer. Deutschland muss endlich wirklich fußgänger- und fahrradfreundlich werden. Das gelingt nicht, wenn die Investitionen letztendlich vor allem dem Kraftfahrzeugverkehr nützen. Wir brauchen einen Mentalitätswandel, damit der motorisierte Individualverkehr endlich abnimmt und die Menschen gerne mit dem Rad fahren, auch um zur Arbeit zu kommen, Einkäufe zu erledigen oder Freunde zu besuchen.

Leider ist aber das Gegenteil der Fall. Die Investitionen in den Straßenbau zielen vor allem darauf ab, den KFZ-Verkehr noch schneller und leichter zu machen. Dabei ist nachgewiesen, dass Verkehrserleichterungen auch zu mehr Verkehr führen.
Wo bleiben mutige, innovative und zukunftsweisende Lösungen? Wann denken wir endlich Mobilität neu?

Wie ist Eure Meinung dazu? Wie stellt Ihr Euch Mobilität und Verkehr in einer ländlichen Gegend wie Ostfriesland vor? Schreibt uns doch einen Kommentar.

Wir freuen uns darauf!

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